Harvard Business Manager Interview Vera Starker

Harvard Business Manager über die TFC-Wirkungsstudie

17/12/2025

Wiebke Harms vom Harvard Business Manager führte mit Vera Starker ein Interview zu der aktuellen NWI-Studie Konzentriertes Arbeiten als Aufgabe der Organisation? Die Wirtschaftspsychologin Vera Starker beschreibt im Gespräch, warum konzentriertes Arbeiten heute schwerer fällt als je zuvor – und weshalb individuelle Tipps wie „Digital Detox“ oder „Pomodoro“ allein nicht ausreichen. Das Problem liegt nicht primär bei den Menschen, sondern in den Strukturen moderner Organisationen: zu viele Meetings, zu viele parallele Projekte, zu viele Tools und eine Kultur permanenter Erreichbarkeit. Konzentration ist damit weniger eine Frage persönlicher Disziplin, sondern eine Frage organisationaler Rahmenbedingungen.

Starker betont, dass Unternehmen früher deutlich fokussierter arbeiteten. Mit der Digitalisierung stieg jedoch die Fragmentierung: In manchen Firmen sind bis zu 40 Tools im Einsatz, Echtzeitkommunikation erzeugt Erwartungsdruck, ständig erreichbar zu sein. Das führt zu Stress, sinkender Produktivität und gesundheitlichen Risiken – „Hirn statt Rücken“, wie Starker es formuliert.

In ihrer Studie begleitete sie sechs Unternehmen über ein Jahr dabei, wie sie mit dem Focused Company Modell Strukturen für fokussiertes Arbeiten aufgebaut haben. Zentral war die Einführung einer täglichen Fokuszeit von zwei Stunden für alle Mitarbeitenden. Diese soll idealerweise am Vormittag liegen, wenn der Cortisolspiegel hoch ist. Entscheidend ist, dass Unternehmen klare Dringlichkeitskanäle definieren, damit echte Notfälle weiterhin bearbeitet werden können. Besonders Teilzeitkräfte profitieren von dieser Struktur, weil sie ohnehin oft sehr fokussiert arbeiten müssen.

Ein weiterer Schwerpunkt: Meetings. Zwei Drittel der Menschen arbeiten während Online-Meetings an anderen Aufgaben – ein Zeichen dafür, dass das Meeting-System selbst dysfunktional ist. Starker fordert daher radikale Veränderungen: weniger Meetings, maximal 50 Minuten Dauer, Pausen dazwischen und mehr Bewegung. Führungskräfte seien besonders betroffen, da sie von Termin zu Termin springen und kaum Zeit für tiefes Denken haben – obwohl komplexe Probleme genau das erfordern. Überraschend: Mitarbeitende begrüßen Fokuszeiten meist sofort, Führungskräfte tun sich schwerer, weil sie sich an extreme Taktung gewöhnt haben.

Auch die Pausenkultur müsse sich ändern. Pausen seien kein Luxus, sondern ein Produktivitätsbooster. Statt Überstunden und Erreichbarkeit im Urlaub zu belohnen, sollten Unternehmen jene wertschätzen, die effizient arbeiten und pünktlich gehen.

Ein weiterer Faktor ist die Arbeitsumgebung. Starker plädiert für „Room Diversity“: Orte für Austausch, aber auch Räume für absolute Ruhe. Großraumbüros seien dagegen oft kontraproduktiv – sie reduzieren Kommunikation um bis zu 70 Prozent und zwingen Mitarbeitende zu mental anstrengender Störungsunterdrückung. Teams können jedoch kreative Lösungen finden, etwa „Bibliothekszonen“, in denen nicht gesprochen wird.

Wenn Unternehmen keine strukturellen Veränderungen zulassen, empfiehlt Starker, im eigenen Team anzusetzen: Meetingregeln verbessern, Kommunikationskanäle klären, Unterbrechungen reduzieren. Das könne viel bewirken – aber das volle Potenzial entfalte sich erst, wenn die gesamte Organisation gehirngerechter arbeitet.

  • Konzentration ist kein individuelles, sondern ein organisationales Problem. Ohne strukturelle Veränderungen wie Fokuszeiten oder klare Kommunikationsregeln bleibt jede Selbstoptimierung wirkungslos.
  • Meetings sind der größte Produktivitätskiller. Weniger, kürzere und besser strukturierte Meetings sind essenziell, um Fokus und Gesundheit zu schützen.
  • Permanente Erreichbarkeit erzeugt Stress und schlechtes Gewissen. Fokuszeiten helfen, diesen Druck systematisch zu reduzieren.
  • Führungskräfte verlieren ihre Fähigkeit zum tiefen Denken. Sie brauchen mehr Selbstführung, Pausen und ungestörte Zeit, um komplexe Entscheidungen gut treffen zu können.
  • Arbeitsumgebungen müssen diverser werden. Großraumbüros schaden der Konzentration – stille Zonen und Rückzugsräume steigern Produktivität und Wohlbefinden.